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Walter Mülich:
Briefmarken helfen Kindern
Globales Lernen als
Beitrag zur Schulprofilbildung
Die Unterrichtseinheit
"Briefmarken helfen Kindern" wurde im Februar 2002 an der niedersächsischen
Gesamtschule am Wällenberg in Hambergen mit einer 7. Klasse durchgeführt.
Ziel des Unterrichts war es, Aspekte des globalen und nachhaltigen Lernens
mit Gesichtspunkten zur Handlungsorientierung zu verbinden und damit dem
angestrebten Schulprofil Rechnung zu tragen.
“Kann ich noch ’ne Kopie
haben?” - “Haste mal ’n Blatt?” - “Vom Konfer-Geld kauf’ ich mir ’n neuen
Computer!” - Beispiele materieller Möglichkeiten und der oberflächlichen
Sorglosigkeit begegnen uns in Schule und Gesellschaft täglich. Die
Nachlässigkeit, kein Material für den Unterricht zur Verfügung zu haben,
korrespondiert meist mit nicht wahrgenommener Verantwortung für Ressourcen
und einer omnipotent wirkenden Konsumhaltung. Hinter dieser oft wuchtig
vorgetragenen Attitüde verbirgt sich häufig ein sehr dünnhäutiges
Selbstbewusstsein, das eigentlich um die Zweifelhaftigkeit dieser warenwert
orientierten Grundeinstellung weiß. In der hier beschriebenen
Unterrichtseinheit sollen die SchülerInnen Lebensverhältnisse von Kindern in
der so genannten “Dritten Welt” kennen lernen; sie werden konfrontiert mit
Hunger, Armut, Kinderprostitution und Kinderhandel. Äußerungen wie: “Die
sind echt schlecht dran, die Kids in Afrika!”, “Voll die dünnen Beine!”
oder “Warum hilft denen keiner?” zeigen emotionale Betroffenheit, weisen
aber auch hin auf ein Handlungsbedürfnis, das aufgegriffen wird, um über
eine realistische Einordnung zu Handlungskompetenz zu gelangen.
Traditioneller an Fach-
und Sachstrukturen orientierter und überwiegend kognitiv ausgerichteter
Unterricht kann die SchülerInnen nur schwer erreichen. Das Ansetzen an der
emotionalen Betroffenheit und die Betrachtung unterschiedlicher
Perspektiven ermöglicht jedoch bei der Behandlung von Themen zur so
genannten “Dritten Welt” den Aufbau geeigneter Handlungsebenen. So soll ein
Weg eröffnet werden, der durch “das Erkennen des Fremden in der eigenen
Lebenswelt und der eigenen Lebenswelt in der Fremden zum
Eine-Welt-Unterricht führt.”

Auf dem Weg zu einem Schulprofil
Die Gesamtschule am
Wällenberg arbeitet nunmehr seit acht Jahren und entwickelt deutliche
Strukturen eines Schulprofils. Dieser Weg verlief ausgehend von den
Grundsätzen der Gesamtschulpädagogik und den Gesichtspunkten der
Schlüsselqualifikationen hin zu einer Revision der Unterrichtsinhalte und
der Unterrichtsformen. Die Arbeit konzentriert sich derzeit auf die
Umgestaltung der Schule zur “Umweltschule in Europa”. Aktuell entwickelte
sich hieraus die Aufnahme in das Programm der Bund-Länder-Kommission (BLK)
“21 - Bildung für eine nachhaltige Entwicklung”. Weiterführende
Informationen finden sich im Internet und in den drei mittlerweile
erschienenen Jahrbüchern.
Ein konkretes Beispiel: Unterrichtseinheit
“Briefmarken helfen Kindern”
Im Stoffverteilungsplan der
Schule ist das Unterrichtsvorhaben im Erdkundeunterricht des 7. Jahrgangs
angesiedelt. An der Gesamtschule am Wällenberg ist dieses Fach schulzweig-
und fächerübergreifend innerhalb des Fachbereiches “Geschichtlich-soziale
Weltkunde” (GSW) mit Geschichte, Politik und Religion verbunden.
Zur Klassensituation
Die Klasse 7.5 der KGS
besuchen im Schuljahr 2001/2002 insgesamt 25 SchülerInnen, 9 Mädchen und 16
Jungen, im Alter von überwiegend 13 Jahren. Nach Schulzweigen zugeordnet
arbeiten im Klassenverband 12 Haupt-, 7 Real- und 6 GymnasialschülerInnen.
Zur Zeit werden acht höherwertige Kurse besucht. Die Lerngruppe besteht
weitgehend seit der 5. Klasse.

Sachanalyse
Die Unterrichtseinheit “Briefmarken
helfen Kindern” stützt sich auf langjährige Vorarbeiten in der Schule. Das
Zusammenwirken mit außerschulischen Gruppen aus dem Bereich des
Umweltschutzes oder der Hilfe in der sogenannten “Dritten Welt” hat im
Bereich der Profilbildung der KGS mittlerweile Tradition. Hierzu gehört
auch die Kooperation mit "terre des hommes" (tdh). Eine breite
Zusammenarbeit mit Schulen wird derzeit von "tdh" durch die
"Aktion Schülersolidarität", die unter anderem vom Landesverband
Niedersachsen der "Deutschen Schulgeographen" unterstützt wird,
verstärkt vorangetrieben. An der Gesamtschule am Wällenberg findet eine
Zusammenarbeit über Briefmarkensammlungen seit über fünf Jahren statt.
Wie andere
Hilfsorganisationen nutzt "tdh" das relativ einfach motivierbare Potential
der weitgehend wertneutralen Spenden. Briefmarken und abgelaufene
Telefonkarten haben nach ihrer Nutzung lediglich Sammlerwert. Die Abgabe
durch die Spender erfordert nur einen geringen materiellen und
organisatorischen Aufwand. Die Weitergabe an den Sammlermarkt und die
finanzielle Umwidmung der Erlöse für spezielle Hilfsaktionen ist das
Einsatzgebiet der "Briefmarkenstelle" der Arbeitsgruppe Hannover.
Hier werden auch die aufwendigen Arbeiten der Sortierung und Aufbereitung
der Sammelstücke durchgeführt. Die so akquirierten Gelder werden an
Schutzzentren für Straßenkinder, Stipendien für junge Mädchen, medizinische
sowie psychologische Hilfsmaßnahmen und Starthilfen für kleine
Produktionsgemeinschaften weitergegeben.
Mit der Unterrichtseinheit
soll nun nach den bislang durchgeführten kleineren und vereinzelten
Ansätzen eine breitere Verankerung im Schulalltag erfolgen. Für die
SchülerInnen eröffnet eine Beteiligung an dieser Aktion eine Verknüpfung
kognitiver, affektiver und instrumenteller Ansätze, die in folgenden
Arbeitsschwerpunkten Geltung erlangen:
Informationsbeschaffung
zum Leben von Kindern in der “Dritten Welt” Umsetzung und Transfer eigener
und fremder Lebenswirklichkeiten Was ist Hilfe? Gedanken und Tätigkeiten
Menschen in Westafrika: geographische, politische und wirtschaftliche
Grundlagen Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Armut, Unterentwicklung
und Abhängigkeit Nutzung von Atlanten, Lexika, Zeitungen, Broschüren,
Internet Aufbereitung und Weitergabe von Informationen und Kenntnissen
Entwicklung von Präsentationsformen: Poster, Stellwand, Zeitungsartikel
SchülerInnenzentrierung, Handlungsorientierung, Aktionen nach dem Prinzip
der Nachhaltigkeit Einbindung der Unterrichtsinhalte in den Schulalltag
Öffnung der Schule.
Unterrichtsverlauf
Die Unterrichtseinheit
benötigte 14 Unterrichtsstunden. Es standen hierfür meist Doppelstunden
innerhalb eines Zeitraums von drei Wochen zur Verfügung. Die überwiegende
Arbeitsform war Gruppenarbeit. Berichte, Zusammenfassungen und Diskussionen
fanden im Plenum statt.
Vom Einstieg in die Aufgabenstellung
Im unterrichtlichen
Verlauf führte ein Zeitungsartikel über eine frühere Sammelaktion
(Arbeitsblatt 1) zur intensiven Auseinandersetzung innerhalb der Klasse.
Die Funktion der Briefmarkensammlungen wurde sehr schnell erkannt und
positiv gewertet. Gleichzeitig erfolgten sofort Hinweise auf eigene
Sammlungen oder auf Briefmarkensammler in der Familie. Mehrere SchülerInnen
kündigten an, überzählige Marken und Telefonkarten mitzubringen. Die Frage nach
dem Sinn einer Hilfe wurde überaus ernsthaft aufgenommen, durch Hinweise
auf eigene Vorkenntnisse erweitert und insgesamt dann schriftlich
verarbeitet (Arbeitsblatt 2). Es entstand während des Unterrichtsgespräches
ein Tafelbild (Materialteil), mit dem der Rahmen der weiteren Arbeit
abgesteckt war.
Arbeitsphasen und erste Zwischenergebnisse
Gemeinsam wurde
beschlossen, die Briefmarkensammlung fortzuführen und einen zentralen Platz
mit Infotafel und Sammelmöglichkeit einzurichten. Die gesamte Schule sollte
zur Beteiligung an dieser Aktion eingeladen werden. Um entsprechend zu
informieren, war es notwendig, nähere Einzelheiten der Kampagnen und
Hilfsaktionen zu erarbeiten, da sich schnell herausstellte, dass viele
geographische, politische und wirtschaftliche Hintergründe unbekannt waren.
Die weiteren Arbeitsschritten wurden in Arbeitsgruppen geleistet. Die
Materialbeschaffung erfolgte durch die Schule, die SchülerInnen und anhand
eigener Recherchen in Bibliotheken und im Internet.
Zu Beginn oder zum Ende
jeder Doppelstunde stellten die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse vor und im
Plenum wurden Fragen diskutiert und neue Schwerpunkte gesetzt. Ein Wechsel
in den einzelnen Gruppen war möglich und erfolgte regelmäßig nach
abgeschlossenen Sequenzen.
Umsetzungen, Ergebnisse, Aktionen
Der Unterrichtsprozess
entwickelte auf verschiedenen Ebenen erstaunliche Dynamik. Die Befestigung
der Stellwand auf dem Flur und deren stetige Vervollständigung durch
Arbeitsergebnisse in Form von Postern, Bildern und Fotos weiteten das
Unterrichtsgeschehen auf größere Teile der SchülerInnen- und Elternschaft
und des Kollegiums aus. Der Fertigstellung der Wandtafel fiel mit dem
Elternsprechtag zu Beginn des 2. Schulhalbjahres zusammen, ein Bericht über
die Aktion erfolgte über die Schulzeitung (Materialteil) und durch Besuche
der SchülerInnen in sämtlichen Klassen der KGS. Mit einem Poster (DIN-A 4
Format, Arbeitsblatt 3) informierten jeweils Kleingruppen die einzelnen
Jahrgänge 5 bis 10. Die SchülerInnen konnten die gewonnenen Kenntnisse
weitergeben und gleichzeitig erleben, inwieweit sie in der Lage waren, auf
Fragen Rede und Antwort zu stehen. Die Erfahrungen waren fast
ausschließlich positiv. In einer nächsten Phase wurde im Kunstunterricht
ein graphisch ausgearbeitetes Plakat erstellt (Materialteil) und bei
Einzelhandelsgeschäften, Banken, Behörden und kirchlichen Einrichtungen in
Hambergen und den umliegenden Ortschaften ausgehängt. Die Resonanz war sehr
gut. In einem Zeitraum von vier Wochen konnten große Mengen von Briefmarken
und Telefonkarten gesammelt werden.

Zusammenfassung
Der Zusammenhang zwischen
Unterentwicklung und Notsituationen in der "Einen-Welt" wurde den
SchülerInnen an einigen Bespielen deutlich. Sie lernten Möglichkeiten und
Schwierigkeiten von Hilfsaktionen, aber auch Grenzen kennen; gleichzeitig
konnten sie ihren Beitrag als sinnvollen Teil einer großen und
langfristigen Arbeit begreifen. Für viele der Jugendlichen wurde ein
Vergleich mit der eigenen, zumindest materiell gesicherten Situation und
den Lebensumständen von unterprivilegierten Kindern in Staaten Westafrikas
ermöglicht. Hilfreich für diesen Lernprozess war die relativ offene
Unterrichtsform, die sich aus der Vorgehensweise entwickelnde
Handlungsorientierung und der Einbezug der Schulöffentlichkeit. Der
Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit wurde insbesondere durch den Ansatz
"Von der Briefmarke zur Hilfe" in der Unterstützung von
Projektarbeit vor Ort verdeutlicht. Zusammenfassend lässt sich die
Unterrichtseinheit mit einer Schüleräußerung illustrieren:
"So`ne Sache passt zu
unserer Schule!"
Autor:
Walter Mülich -
18.03.2002
Private Anschrift: 27616
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